Wenn man absolut alles sagt, hebt es sich leicht zu nichts auf.
Deshalb läßt sieh aus Shakespeare keine explizite Philosophie sintern. Als unausgesprochene Metaphysik aber, als ein System des Schönen-Wahren, von den poetischen Beziehungen der Szenen und Zeilen gebildet und gleichsam mitschwingend in den Lücken zwischen den Worten, sogar zwischen Worten wie «von einem Schwachsinnigen erzählt, nichts bedeutend» kommen die Stücke einer großen theologischen Summa gleich. Außerdem natürlich, wenn man die «Negative» unbeachtet läßt, die die Worte aufwiegen - was für einzigartige, einzeln dastehende Äußerungen einer vollkommen expliziten Weisheit! Ich muß zum Beispiel immer wieder an diese zweieinhalb Verse denken, in denen Hotspur ganz beiläufig eine ganze Erkenntnislehre, eine ganze Ethik, eine ganze Theologie resümiert.Doch Denken ist des Lebens Sklave und Leben der Hanswurst der Zeit; und Zeit, der Alleweltvermesser, muß stillestehn.
Drei Teilsätze, und das zwanzigste Jahrhundert hat nur vom ersten Notiz genommen. Die Versklavung des Denkens durch das Leben ist eines seiner Lieblingsthemen. Bergson und die Pragmatiker, Adler und Freud, dialektischer Materialismus und Behaviorismus - alle dudeln ihre Variationen über diese Thema. Der Geist, hören wir hier, ist nichts als ein Nahrungsbeschaffungsmechanismus, von unbewußten Kräften entweder aggressiver oder sexueller Art beherrscht, das Produkt gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Zwänge, ein Bündel bedingter Reflexe.
All das ist soweit ganz richtig; ganz falsch, wenn soweit alles ist. Denn, schon rein logisch betrachtet, wenn der Geist nur irgendein «Nichts-als» ist, kann keine seiner Aussagen allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Aber alle «Nichts-als»-Philosophien erheben eben diesen Anspruch. Daher können sie nicht wahr sein, denn wären sie wahr, so würde das schon beweisen, daß sie falsch sind. Das Denken ist des Lebens Sklave -ja, kein Zweifel. Wäre es aber nicht außerdem noch etwas anderes, könnten wir nicht einmal diese partiell gültige Generalisierung machen.
Hotspurs zweite Aussage ist von überwiegend praktischer Bedeutung. Das Leben ist der Hanswurst der Zeit. Indem die Zeit einfach nur verstreicht, macht sie Unsinn aus allem, was das Leben in der Zeitlichkeit plant und sich zurechtlegt. Kein in irgendeinem Sinne gewichtiges Handeln hätte je alle beabsichtigten Ergebnisse oder nur die beabsichtigten Ergebnisse erbracht. Nur unter streng kontrollierten Bedingungen oder in einem Rahmen, wo man von der Wirklichkeit absehen und den Einzelfall ignorieren kann, weil es mir um das Gesetz der großen Zahl und des statistischen Durchschnitts geht, ist überhaupt so etwas wie akkurate Voraussage möglich. In allen realen Lebensituationen wirken mehr Variablen mit, als der menschliche Verstand berücksichtigen kann, ganz abgesehen davon, daß diese Variablen sich mit der Zeit eher noch vermehren und ihren Charakter ändern. All das sagt uns die Alltagserfahrung. Und trotzdem haben die meisten Amerikaner und Europäer des zwanzigsten Jahrhunderts nur einen Glauben, den Glauben an die Zukunft - die größere, die bessere Zukunft, die der Fortschritt uns ohne Frage bescheren wird wie weiße Kaninchen aus einem Zylinderhut. Mag die Vernunft den Menschen auch sagen, daß man über die Zukunft so gut wie nichts wissen kann, um ihres Glaubensbildes der Zukunft willen sind sie dennoch bereit, ihren einzigen greifbaren Besitz zu opfern, die Gegenwart. Fünfzig Millionen Europäer sind im Laufe der letzten dreißig Jahre Kriegen und Revolutionen zum Opfer gefallen. Wozu? Alle Nationalisten und Revolutionäre geben die gleiche Antwort: «Damit es die Ururenkel der jetzt Geopfterten im Jahre 2043 sagenhaft gut haben.» Und dann malen sie sich und uns (nach irgendeiner Wellsschen, marxistischen oder faschistischen Vorlage, je nach Geschmack und politischer Haltung) allen Ernstes aus, wie unwahrscheinlich gut es diesen Glückspilzen dereinst gehen wird. Ganz so, wie unsere viktorianischen Ururgroßväter sich einst allen Ernste ausmalten, wie unwahrscheinlich gut wir es um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts haben würden.
Wahre Religion geht von der Vorgegebenheit des Zeitlosen aus. Götzendienerische Religionen setzt die Zeit an die Stelle der Ewigkeit - entweder die Vergangenheit als starre Tradition oder aber die Zukunft als Fortschritt in Richtung Utopia. Beide sind Moloche; beide gieren nach Menschenopfer. Der spanische Katholizismus war die typische Vergötzung der Vergangenheit. Nationalismus, Kommunismus, Faschismus und all die anderen Pseudoreligionen des zwanzigsten Jahrhunderts sind typische Formen der Zukunftsvergötzung.
Welche Folgen hat die Verschiebung der abendländischen Ausrichtung von der Vergangenheit auf die Zukunft? Ein intellektuelles Fortschreiten vom Garten Eden zu Utopia und der klassenlosen Gesellschaft; ein moralisches und politisches Weitergehen von erzwungener Glaubenskonformität und dem Gottesgnadentum der Könige hin zu allgemeiner Zwangsrekrutierung für Militär und Industrie, zur Unfehlbarkeit des örtlichen politischen Führers und zur Deifikation des Staates. Nach wie vor: Der Zeit huldigt man nicht ungestraft.
Doch Hotspurs Lebenssumme hat einen letzten Teil: Zeit muß stillstehen. Und sie muß nicht nur stillstehen, als Prophezeiung oder ethischer Imperativ, sondern sie steht - für jeden, der das möchte - wirklich still, im Präsens Indikativ und als nackte Erfahrungstatsache hier und jetzt. Nur wenn wir das Faktum der Ewigkeit akzeptieren und beachten, können wir das Denken aus seiner Versklavung an das Leben befreien. Und nur wenn wir unsere volle Aufmerksamkeit der Ewigkeit zuwenden, ja uns ihr verschreiben, können wir verhindern, daß die Zeit aus unserem Leben eine sinnlose oder teuflische Hanswurstiade macht.
Brahman, der Grund, das Klare Licht der Leere, das Königreich Gottes sie alle sind die eine zeitlose Wirklichkeit, Trachtet am ersten danach, so wird euch solches alles - von der treffenden Philosophie bis zur Erlösung von zwanghafter Selbstlähmung und Selbstzerstörung - zufallen. Oder, um es in der Sprache Shakespeares zu sagen: Wenn wir dessen nicht länger «höchst unkundig» sind, was uns «ganz sicher» ist, «unseres gläsernen Wesens» - des uns innewohnenden Geiste, des Prinzips unseres Seins, des Atman werden wir nicht mehr jene Zerrgestalt sein, von der Shakespeare sagt:
Wie ein zorniger Affe
treibt er so tolle Possen vor dem hohen Himmel,
daß sie die Engel weinen machen.
Aldous Huxley, Gott ist. Essays, Otto Wilhelm Barth Verlag, 1993, Über einen Satz von Shakespeare S.93ff
(Deutschsprachige Rechte: Scherz Verlag, Bern, München, Wien)
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